Donnerstag, 28. Januar 2016

Gebietsfremde Arten gefährden zunehmend die heimische Flora und Fauna.

BfN Pressemitteilung

Bonn, 28. Januar 2016: Gebietsfremde Arten gefährden zunehmend die
heimische Flora und Fauna. Um deren Verbreitung einzudämmen und die
biologische Vielfalt zu schützen, sind differenzierte und artspezifische
Maßnahmen erforderlich. Erstmals gibt nun das Bundesamt für Naturschutz
(BfN) Empfehlungen zum Umfang mit 168 gebietsfremden Tier-, Pflanzen- und
Pilzarten, die als invasiv oder potenziell invasiv eingestuft sind.
Veröffentlicht sind diese im zweibändigen "Management-Handbuch zum Umgang
mit gebietsfremden Arten in Deutschland".

Auch wenn viele gebietsfremde Arten in Deutschland unproblematisch sind
und keine Schäden verursachen, gibt es Arten wie die Gelbe Scheinkalla,
eine Blütenpflanze, die entlang von kleinen Bachläufen durch dichten
Wuchs alle angestammten Arten verdrängt. Dadurch entsteht
Handlungsbedarf, insbesondere im Naturschutz. "Aktionismus ist aber in
jedem Fall fehl am Platz", sagt BfN-Präsidentin Prof. Beate Jessel. "Denn
unkoordinierte Maßnahmen können die Ausbreitung gebietsfremder Arten
sogar noch fördern. Wir brauchen deshalb differenzierte und
artspezifische Handlungskonzepte." In jedem Fall, so die BfN-Präsidentin,
"ist Vorsorge statt aufwändiger und teurer Nachsorge der Leitsatz im
Naturschutz". Es gelte darum zunächst einmal, den Transport invasiver
Arten zu kontrollieren und eine Freisetzung zu verhindern.

Um schließlich die Ausbreitung von invasiven und potenziell invasiven
Arten zum Schutz der biologischen Vielfalt zu stoppen, werden bereits
zahlreiche Maßnahmen praktiziert. Längst nicht alle sind jedoch effizient
oder - aus Sicht des Naturschutzes - empfehlenswert. Deshalb wurden in
einem Forschungsvorhaben des BfN in Zusammenarbeit mit der TU Dresden nun
erstmals für insgesamt 168 invasive oder potenziell invasive Pilz-,
Pflanzen- und Tierarten alle verfügbaren Erkenntnisse und Erfahrungen zu
Maßnahmen zusammengetragen und auch bewertet. "Mit dem
Management-Handbuch liegt jetzt zum ersten Mal eine Sammlung artbezogener
Maßnahmen für alle bisher durch das BfN als problematisch klassifizierten
Arten vor. Das Handbuch liefert außerdem fachlich geprüfte und
naturschutzfachlich bewertete Empfehlungen für den Umgang mit diesen
Arten", erklärt Prof. Beate Jessel. Berücksichtigt werden invasive und
potenziell invasive Arten, die in Deutschland lokal oder großflächig
verbreitet sind, aber auch Arten, die hier noch nicht angekommen sind wie
das Nordamerikanische Grauhörnchen, das sich in England und Italien
zunehmend ausbreitet und einen Pockenvirus überträgt, der beim
Europäischen Eichhörnchen eine tödliche Krankheit auslöst.

Die naturschutzfachlichen Managementempfehlungen umfassen für jede
einzelne Art insgesamt vier Kategorien: Vorsorge, Beseitigung, Kontrolle
sowie Nutzung/Entsorgung. Innerhalb dieser Kategorien wurden die
recherchierten Maßnahmen bewertet. Ob die Anwendung einer Maßnahme dann
als empfehlenswert eingestuft wurde, war von drei Kriterien abhängig:
ihrer Effizienz, ihren ökologischen Auswirkungen und ihren Auswirkungen
auf die menschliche Gesundheit. An der Erarbeitung des
Management-Handbuchs waren insgesamt 164 Expertinnen und Experten
beteiligt. Sie haben dabei rund 3600 Maßnahmen geprüft und bewertet, 1900
Maßnahmen haben das Prädikat "empfehlenswert" erhalten.

Hintergrund

Gebietsfremde Arten gelangen zum einen absichtlich nach Deutschland,
beispielsweise über den Gartenbau oder den Heimtierhandel. Zum anderen
werden viele gebietsfremde Arten auch unabsichtlich mittransportiert, zum
Beispiel über Fahrzeuge, über Verpackungsmaterial oder Güter wie Erdreich
oder über die großen Schifffahrtskanäle, die unterschiedliche
Gewässersysteme verbinden. Insgesamt 3000 gebietsfremde Arten kommen
mittlerweile wildlebend in Deutschland vor, längst nicht alle können hier
dauerhaft überleben. Immerhin 808 gebietsfremde Tier-, Pflanzen- und
Pilzarten gelten als etabliert. Zum Problem für die Natur werden
gebietsfremde Arten jedoch dann, wenn sie heimische Arten, Biotope oder
Ökosysteme gefährden. In diesem Fall werden sie als invasiv
klassifiziert. Besteht die Möglichkeit einer Gefährdung, werden sie als
potenziell invasiv eingestuft.

Im Bundesnaturschutzgesetz findet sich eine Regelung zu nichtheimischen,
gebietsfremden und invasiven Arten (§ 40).  Auch auf europäischer Ebene
wurde die zunehmende Anzahl gebietsfremder Arten als
grenzüberschreitendes Problem erkannt. Zum 1. Januar 2015 trat daher die
EU-Verordnung Nr. 1143/2014 in Kraft, die differenzierte Regelungen für
die Prävention und das Management der Einbringung und Ausbreitung
invasiver gebietsfremder Arten vorsieht.

Hinsichtlich ihrer Invasivität werden gebietsfremde Arten in Deutschland
nach einer Methodik bewertet, die das Bundesamt für Naturschutz
entwickelt hat: Sind keine Auswirkungen bekannt, gilt die gebietsfremde
Art, beispielsweise der Chile-Flamingo, als "bisher nicht invasiv".
Lassen sich die Auswirkungen nicht abschließend beurteilen, wird die Art
als "potenziell invasiv" eingestuft. Dann können erste Maßnahmen sinnvoll
sein, beispielsweise das gezielte Abfischen von Sonnenbarschen. Sind
relevante Auswirkungen auf die biologische Vielfalt belegt, handelt es
sich um invasive Arten. Beispiele für invasive Arten sind unter anderem
die Goldrute, der Riesen-Bärenklau, der Amerikanische Ochsenfrosch, die
Amurgrundel oder auch der Bisam.

Informationen zu gebietsfremden Arten bietet unter anderem die Website
www.neobiota.de

Bezug
Das "Management-Handbuch zu gebietsfremden Arten in Deutschland" ist in
der Schriftenreihe "Naturschutz und Biologische Vielfalt" als Band 141
erschienen und kann über den BfN-Schriftenvertrieb im
Landwirtschaftsverlag Münster-Hiltrup www.buchweltshop.de/bfn oder den
Buchhandel bezogen werden.

Management-Handbuch zum Umfang mit gebietsfremden Arten in Deutschland,
Band 1: Pilze, Niedere Pflanzen und Gefäßpflanzen, Band 2: Wirbellose
Tiere und Wirbeltiere. Bundesamt für Naturschutz, Bonn - Bad Godesberg
2015: 1335 Seiten, Preis für beide Bände: 85,00 EUR (ggf. zzgl.
Versandkosten).
ISBN 978-3-7843-4041-8

Diese Pressemitteilung finden Sie auch unter:
http://www.bfn.de/0401_pm.html?tx_ttnews%5Btt_news%5D=5711


Hrsg: Bundesamt für Naturschutz
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