Montag, 22. Dezember 2014

Interview mit Dr. Edmund Haferbeck von PETA

http://www.freiheit-fuer-tiere.de/artikel/interview-mit-dr-edmund-haferbeck-von-peta.html

"Drei Mal am Tag haben wir Macht"

Immer wieder erschüttern Fleisch-Skandale die Öffentlichkeit. In »Freiheit für Tiere« 3/2014 stellen wir die PETA-Recherche über eine Schweinemastanlage im Kreis Soest sowie die Strafanzeige gegen die Puten-Elternfarmen vor. Mit Recherchen und Strafanzeigen trägt die Tierrechtsorganisation PETA ganz wesentlich zur Aufdeckung solcher Skandale bei.
»Freiheit für Tiere« sprach mit Dr. Edmund Haferbeck, Agrarwissenschaftler und Leiter der Wissenschafts- und Rechtsabteilung von
PETA.


Freiheit für Tiere: Immer wieder erschüttern Fleisch-Skandale die Öffentlichkeit, so vor kurzem der Skandal um den Mega-Schlachthof VION in Schleswig-Holstein, wo viele Tiere auseinander geschnitten wurden, während sie noch bei Bewusstsein waren. Mit Recherchen und Strafanzeigen trägt PETA ja ganz wesentlich zur Aufdeckung solcher Skandale bei!

Dr. Edmund Haferbeck: Unsere Förderer beauftragen uns als PETA, solche schwierigen Ermittlungen vorzunehmen und diese auch effektiv publik zu machen. Aber das geschieht nicht der Publicity wegen, sondern weil PETA, auch zusammen mit »Freiheit für Tiere«, das »System Tierausbeutung« zur Abstellung bringen möchte. Die VION-Ermittlung begann bereits 2011. 2012 hatten wir Strafanzeige erstattet. 2014 kam dann die große Razzia mit 250 Polizisten. Und erst jetzt haben wir unsere Dokumente publiziert. Dies war strategisch der richtige Weg.
Auch bei den Puten-Elterntierfarmen sind wir so vorgegangen, die Undercover-Ermittlung fand bereits 2012 statt. Jetzt ist die Zeit reif für die Veröffentlichung dieser bislang überhaupt noch nicht im Fokus der Öffentlichkeit stehenden Produktionsstufe ganz am Anfang der Tierqualkette. Bio oder konventionell: Für die Tiere gibt es so gut wie keinen Unterschied, nur der Mensch versucht, sein Gewissen über den Griff zu »Bio«-Fleisch oder Eiern zu beruhigen.

Freiheit für Tiere: Ist das, was durch die Aufdeckung solcher Skandale an die Öffentlichkeit kommt, nicht nur die Spitze des Eisbergs? Weltweit werden schließlich 95 Prozent der Tiere in der industriellen Tiermast »gehalten«, vegetieren also auf engstem Raum in riesigen Massenhaltungsbetrieben. An dich als Agrarwissenschaftler, der »Tierproduktion« in der Landwirtschaft studiert hat, die Frage: Kann es überhaupt so etwas wie »artgerechte Haltung« für Fleisch-, Milch- und Eierproduktion geben?

Dr. Edmund Haferbeck: Klare Antwort - und zwar fachlich und nicht emotional gemeint: Nein! Bereits im agrarwissenschaftlichen Studium der Tierproduktion geht es um nichts anderes als um »Tiermaterial«, aus dem noch mehr herauszuholen sein muss, sei es durch eine noch zugespitztere Züchtung (krank gezüchtete Turborassen) oder durch rationellere Haltungsbedingungen, an die immer die Tiere angepasst werden - und nicht umgekehrt. Es ist gar nicht möglich, Tiere in solchen Massenhaltungen auch nur ansatzweise »artgerecht« zu halten. Ganz im Gegenteil: Es handelt sich um Tierquälerei - und die ist nicht die Ausnahme, sondern systemimmanent. Hinzu kommt: Kein Tier ist dafür da, auf dem Teller des Menschen zu landen, und das teilweise dreimal pro Tag. Diese Wahrheit lässt sich in den Ursprüngen aller Weltreligionen finden. Verfassungsrechtlich und gesetzlich sprechen wir zumindest in Deutschland mittlerweile von »Mitgeschöpfen«, die zu schützen sind, doch in der Realität ist die Ausbeutung der Tiere in allen Bereichen an Brutalität kaum zu übertreffen.

Freiheit für Tiere: Ist nicht letztlich das Eintreten für Tierrechte auch ein Eintreten für Menschenrechte? Der Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und dem Hunger von einer Milliarde Menschen dringt ja auch immer mehr an die Öffentlichkeit.

Dr. Edmund Haferbeck: Es ist sehr gut, dass dieser ebenfalls fachlich zu bejahende Zusammenhang von »Freiheit für Tiere« hergestellt wird - dieser globale Folgenansatz für die systemimmanente Tierquälerei wird allzu wenig berücksichtigt. Jean Ziegler, ehemaliger Sonderberichterstatter der UN für das Recht auf Nahrung, sagte sinngemäß: Alle paar Sekunden wird ein Kind ermordet - wegen des Fleischkonsums bei uns und weil wir extrem wertvolle und wichtige pflanzliche Lebensmittel in den Futtertrögen der Massentierhaltung vernichten. Wie groß kann eigentlich ein Verbrechen sein, das Verhungern von Menschen billigend in Kauf zu nehmen? Fleisch frisst unseren blauen Planeten auf!

Freiheit für Tiere: Um 1 Kilo Fleisch zu erzeugen, werden bekanntlich 16 Kilo Getreide benötigt. Was ist mit den anderen 15 Kilo? Werden nicht letztlich für jedes Kilo Fleisch 15 Kilo Getreide in Mist, Gülle und klimaschädliche Gase verwandelt?

Dr. Edmund Haferbeck: Und dieser Vernichtungsprozess wird von der Agrarwissenschaft, natürlich fachlich korrekt, als »Veredelung« verballhornt - es gibt kaum eine größere Lüge. Nicht nur die 15 Kilo Getreide, sondern auch 15.000 Liter reinsten Trinkwassers, mehrere Tausend CO2-Äquivalente und die großflächigen Rodungen in den Regenwäldern stehen hinter diesem Vernichtungs­prozess. Man muss ja auch bedenken, dass der so genannte »Ausschlachtungsgrad« nur, von Tier zu Tier schwankend, bei ca. 60 Prozent liegt, also nur ein Teil der Rinder, Schweine, Geflügel dann letztlich als »Holocaust auf dem Teller« landet - es gibt keine größere Verschwendung auf diesem Planeten als die Fleischproduktion - fachlich zigfach von UNO und der Wissenschaft bestätigt.

Freiheit für Tiere: Jeder, der sich für eine rein pflanzliche Lebensweise entscheidet, tut auf so vielen Ebenen etwas Gutes: für die Tiere, gegen den Hunger in der Welt, für das Trinkwasser, für die Umwelt und gegen die Naturzerstörung, für das Klima und schließlich auch für die eigene Gesundheit. Haben wir als Verbraucher nicht eine viel größere Macht als wir denken?

Dr. Edmund Haferbeck: Durchschnittlich drei Mal am Tag haben wir »Macht« - wir entscheiden über das, was wir essen. Schon ein Tag Verzicht auf tierische Produkte in einer Großstadt rettet hunderttausenden Tieren das Leben, spart Millionen Liter an wertvollem Trinkwasser ein, verhindert zigtausende Tonnen klimaschädliche Emissionen - und der Gesundheitszustand des Menschen verbessert sich ebenfalls.


Das Gespräch mit Edmund Haferbeck führte Julia Brunke, Redaktion »Freiheit für Tiere«
Dr. Edmund Haferbeck ist Agrarwissenschaftler und Leiter der Wissenschafts- und Rechtsabteilung von PETA.
Durch sein Studium im Fachgebiet »Tierproduktion« an der Universität Göttingen wurde er mit dem Leid der Tiere in der industriellen Massentierhaltung konfrontiert. Statt in der Agrarindustrie tätig zu werden, traf er bereits Anfang der 1980er Jahre die Entscheidung, sich für die Rechte der Tiere einzusetzen.

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