Montag, 12. Mai 2014

BfN Pressemitteilung

BfN Pressemitteilung

Bonn, 9. Mai 2014: Von allen untersuchten Arten der Fische, bodenlebenden
Wirbellosen und Großalgen der deutschen Küsten- und Meeresgebiete stehen
30 Prozent auf der Roten Liste und sind damit als gefährdet einzustufen.
Damit ist die Situation in Nord- und Ostsee kaum besser als im
Binnenland. Dieses Resümee zieht das Bundesamt für Naturschutz (BfN) bei
der Vorlage des vierten Bandes der Roten Listen gefährdeter Tiere,
Pflanzen und Pilze Deutschlands.

"Die Situation der Knorpelfische wie Dornhai und Glattrochen ist kritisch
und hat sich weiter verschärft", so BfN-Präsidentin Prof. Beate Jessel.
Eine Hauptursache für deren Rückgang sei die nach wie vor viel zu hohe
Fischereiintensität mit Grundschleppnetzen, die selbst in den
Meeresschutzgebieten weitgehend unreguliert stattfindet. Zusätzlich
werden die am Meeresgrund vorkommenden Organismen wie Schwämme und
Muscheln oder die Lebensgemeinschaften der Sandkorallenriffe
beeinträchtigt. Die aktuelle Rote Liste ist die bisher umfassendste
nationale Gefährdungsanalyse für Meeresorganismen. Sie entstand in
sechsjähriger Arbeit und beruht auf den Analyseergebnissen für gut 1.700
Arten.

Bisher wurden drei Bände der neuen Roten Listen vom Bundesamt für
Naturschutz (BfN) veröffentlicht. Darin wurden etwa 9.000 Arten von Land-
und Süßwasserorganismen analysiert von denen 45 Prozent auf der Roten
Liste stehen. "Im Vergleich zum Binnenland scheint die Situation in den
Meeren mit 30 Prozent Rote-Liste-Arten deutlich besser zu sein, doch
dieser Eindruck täuscht", sagte BfN-Präsidentin Prof. Beate Jessel. "Denn
bei etwa einem Drittel der Arten gibt es noch nicht genügend
Informationen, um ihre Gefährdung hinreichend einschätzen zu können.
Darunter befinden sich erfahrungsgemäß immer auch unentdeckte
Rote-Liste-Arten. Nur knapp 31 Prozent aller erfassten marinen Arten
können nach derzeitiger Kenntnis als ungefährdet gelten", so Jessel. Im
Binnenland hingegen seien es gut 38 Prozent.

Drei Gefährdungsfaktoren haben sich nach Meinung des BfN und der Autoren
der Roten Listen als besonders bedeutsam herausgestellt:

1. Die Fischerei, vorwiegend die Grundschleppnetzfischerei,
beeinträchtigt nicht nur die Fischfauna, sondern darüber hinaus den
gesamten Lebensraum von Nord- und Ostsee inklusive der Nahrungsnetze.

2. Die Nährstoffeinträge mit anschließenden Mikroalgenblüten verringern
den Lichteinfall in größere Tiefen und erhöhen die Schwebstofffracht im
Wasser, was vielen Großalgen zu schaffen macht und den wirbellosen
Tierarten, die ihre Nahrung aus dem Wasser filtrieren.

3. Die Abbau- und Baggerarbeiten zerstören den Lebensraum fest sitzender
Arten schlagartig.

Für alle untersuchten Artengruppen liegen nun erstmals auch
Gesamtartenlisten vor, so dass die Roten Listen gleichzeitig als Inventar
der bekannten Arten fungieren. Weil sich Nord- und Ostsee ökologisch
stark voneinander unterscheiden, werden in den Roten Listen die beiden
Räume auch getrennt betrachtet. Bei den wirbellosen Tieren und den
Großalgen gibt es regionale Verbreitungsangaben, die in Nord- und Ostsee
vorkommenden Fische werden zusätzlich für beide Meeresteile separat
bewertet. Bei ihnen zeigt sich im deutschen Nordseegebiet, wo 27 Prozent
der Arten auf der Roten Liste stehen, insgesamt eine stärkere Gefährdung
als im Teilbewertungsgebiet der Ostsee mit 17 Prozent Rote-Liste-Arten.

Die Datenbasis für die neue Rote Liste hat sich stark verbessert.
Wissenszuwachs gab es am deutlichsten für die wirbellosen Tiere. Während
etwa Zehnfußkrebse, Stachelhäuter oder Schnecken und Muscheln bereits in
früheren Auflagen der Roten Listen bearbeitet wurden, konnten einige
Artengruppen nun erstmals auf ihre Gefährdung hin untersucht werden. So
wurde z.B. der Gefährdungszustand von den Cumazeen (zählen zu den
Ranzenkrebsen), der Flohkrebse, Seepocken, der Asselspinnen sowie der
Moostierchen und Schädellosen analysiert. Bei den Meeresfischen hat die
Anzahl der untersuchten Arten hingegen 216 auf 94 abgenommen. Von
früheren Listen wurden nur solche Arten erneut betrachtet, die als
typischer Bestandteil unserer Fischfauna angesehen werden können. Das
sind Arten, die in deutschen Gewässern regelmäßig nachgewiesen werden
können oder früher vorgekommen sind.

Hintergrund
Die Roten Listen beschreiben die Gefährdungssituation der Tier-,
Pflanzen- und Pilzarten und stellen mit ihren Gesamtartenlisten eine
Inventur der Artenvielfalt dar. Sie werden etwa alle zehn Jahre unter
Federführung des Bundesamtes für Naturschutz für ganz Deutschland
herausgegeben.
Zu dieser Pressemitteilung steht ein Hintergrundpapier unter
http://bit.ly/1j6Fh3i bzw.
http://www.bfn.de/0405_hintergrundinfo.html#c138350 zur Verfügung.

Als Ansprechpartner für die einzelnen Roten Listen stehen folgende
Autoren bereit:
Meeresfische:
PD Dr. Ralf Thiel (Universität Hamburg, Biozentrum Grindel und
Zoologisches Museum)
Kontakt: ralf.thiel@uni-hamburg.de; Tel. 040 / 42838-5637

Marine Wirbellose:
Dr. Michael L. Zettler (Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde,
Rostock)
Kontakt: michael.zettler@io-warnemuende.de; Tel. 0381 / 5197236

Marine Makroalgen:
bis 09.05., 12 Uhr:
Prof. Dr. Dirk Schories (Universität Rostock, Agrar- und
Umweltwissenschaftliche Fakultät)
Kontakt: dirk.schories@uni-rostock.de; Tel. 0176 / 97603653; 0381 /
498-3746

Bezugshinweis:

Das Werk ist im Landwirtschaftsverlag in der BfN-Schriftenreihe
"Naturschutz und Biologische Vielfalt" erschienen unter dem Titel: Rote
Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands, Band 2:
Meeresorganismen. Naturschutz und Biologische Vielfalt, Heft 70 (2).

Diese Pressemitteilung finden Sie auch unter:
http://www.bfn.de/0401_pm.html?tx_ttnews%5Btt_news%5D=4909


Hrsg: Bundesamt für Naturschutz
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Konstantinstraße 110
53179 Bonn
Fon: 0228/8491 - 4444
Fax: 0228/8491 - 1039
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